(Un)denkbar – Wie Sprache Denken & Wahrnehmung verändert

(Un)denkbar

Versuchen Sie einmal, ohne Sprache zu denken. Unmöglich, sagen Sie? Natürlich. Halten Sie es im Umkehrschluss für möglich, etwas zu denken, was Sie nicht in Worte fassen können? Ob und wie Sprache unsere Gedanken und damit die Wirklichkeit um uns herum formt und abbildet, ist in der Sprachwissenschaft seit jeher umstritten.

Dieser Artikel ist unsere Einladung an Sie, sich auf eine spannende Entdeckungsreise zu begeben und herauszufinden, wie jeder Mensch die Welt um sich herum bis zu einem gewissen Grad so wahrnimmt, wie die Sprache(n), die er spricht, es ihm vorgeben. Entdecken Sie faszinierende Gedankenspiele und kommen Sie den Bahnen, in denen sich Ihre Gedanken entwickeln, auf die Spur.

„Wohin gehst du?“ – „Nach Südsüdost“

Woher wissen eigentlich Vögel, wohin die Reise für den Winterurlaub gehen soll? Eine Art innerer Kompass gilt als angeborener Teil der Neurokognition. Zugvögel haben ihn und benötigen ihn dringend, um zu überleben. Der Mensch hingegen hat ihn in diesem Sinne nicht – oder doch?

Stellen Sie sich folgende Szenarien vor: In einer Ihnen unbekannten Stadt oder in einem Raum ohne Fenster werden Sie gebeten, nach Südsüdosten zu deuten. Unmöglich? Woher sollen Sie denn wissen, wo Norden und Süden sind, geschweige denn Südsüdosten?

Dagegen fällt es uns nicht schwer, auf die Frage „Wo liegt denn eigentlich mein Schlüssel?“ mit „Im Kühlschrank neben der Butter“ (wie auch immer er dort gelandet ist) oder „Rechts vom Telefon“ zu antworten. Logisch, denn mit Referenzpunkten orientiert man sich eben leichter.

Doch ist der Grund dafür, dass uns das eine so leicht und das andere so schwerfällt, wirklich der, dass der Mensch einfach einen so eingeschränkten Orientierungssinn hat? Nicht ganz. Tatsächlich hat die Wissenschaft herausgefunden, dass die Art und Weise, wie wir uns orientieren, mit unserem Sprachsystem zusammenhängt:

Aborigines-Stämme Orientierung
Für einige Aborigines-Stämme in Australien gibt es kein links und rechts.

In Australien gibt es mehrere Aborigines-Stämme, die weder Butter noch Telefon noch andere Objekte und auch nicht den eigenen Körper als Referenzpunkt verwenden. Stattdessen teilen sie die Welt nach Himmelsrichtungen ein. Heraus kommen dabei Sätze wie „Eine Biene sticht dir gleich in deinen nordöstlichen Zeh.“ Welcher der nordöstliche Zeh ist, kommt dann immer darauf an, wie die Person gerade dasteht.

Orientierung ist in einigen Aborigines-Sprachen so wichtig, dass es selbst für ein belangloses, kurzes Hallo wichtig ist zu wissen, wo man gerade ist und wohin man geht.

A: „Wohin gehst du?“ (anstelle von Hallo)

B: „Ein kurzes Stück nach Nordnordwesten!“ (ebenfalls Hallo)

Die Konsequenz lautet: Wer nicht jederzeit orientiert ist, kann nicht einmal ein einfaches Gespräch auf der Straße führen. Spannenderweise wissen diese indigenen Völker jederzeit, wo sie gerade sind. Selbst in einem fensterlosen Raum.

Doch mehr noch: Diese Art der räumlichen Orientierung verändert unter anderem die Art, wie über Zukunft und Vergangenheit gesprochen wird. Betrachten Sie folgende Bilder und ordnen Sie sie vor Ihrem inneren Auge in der richtigen Reihenfolge:

Richtungen Gedanken
Wie würden Sie die Personen anordnen, wenn es darum geht eine zeitliche Abfolge abzubilden?

Wetten, wir haben erraten, wie Sie die Bilder angeordnet haben? Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind die Bilder von links nach rechts geordnet. Dies entspricht unserer Art zu denken, zu schreiben und Sprache zu ordnen. Nun dürfen Sie eine Vermutung anstellen: Wie wird diese Bilderreihe wohl von einem Aborigine geordnet?

Richtungen Sprache
Vermutlich haben Sie die Personen in etwa so abgebildet – und das hat einen Grund

Vielleicht haben Sie bereits geahnt, dass er sich an den Himmelsrichtungen orientiert – ganz egal, wo er sitzt und wie ihm die Bilder vorgelegt werden, er ordnet sie immer von Osten nach Westen. Es ist also eine vollkommen andere Art zu denken, die unsere Vorstellungskraft beinahe sprengt. Und Grund dafür ist die Sprache.

Der, die das – wieso, weshalb, warum

Die liebe Grammatik. Die meisten von uns verbindet mit ihr eine Hassliebe. Vor allem, wer (Fremd)sprachen mit grammatischen Geschlechtern lernt, weiß, dass diese teils alles andere als einfach und oft auch anders sind, als die Logik es gebieten würde.

Die These an dieser Stelle lautet: Die grammatische Kategorisierung unserer Sprache formt die Wirklichkeit. Etwas zum Schmunzeln ist das folgende Beispiel aus der Sprache der australischen Dyirbal, das es sogar auf einen Buchtitel des Sprachwissenschaftlers George Lakoff (Women, Fire and Dangerous Things – What Categories Reveal about the Mind) geschafft hat. Die weibliche Kategorie umfasst dabei unter anderem eben Feuer, Frauen und alles, was gefährlich ist. Wie hier wohl das Frauenbild aussieht? Aber wir müssen nicht auf einen anderen Kontinent blicken, um dieses Argument zu verstehen. Auch das Deutsche hat schließlich Artikel für Gegenstände. Es stellt sich also die Frage, wie wir über diese Dinge denken und welche Attribute wir ihnen zu schreiben.

Ein Mitmachbeispiel: Stellen Sie sich einen Schlüssel vor. Wahrscheinlich verlangt Ihnen das nicht allzu viel Vorstellungskraft ab. Notieren Sie sich, wenn Sie ein Blatt Papier zur Hand haben, einige Begriffe, die Ihnen zum Wort ‚Schlüssel‘ spontan in den Sinn kommen (ohne nach unten zu scrollen und zu schummeln, natürlich!). Wie sieht ‚Ihr‘ Schlüssel aus?

Eine Studie zeigt, dass deutsche Muttersprachler einen Schlüssel überwiegend mit Worten wie hart, schwer, zackig oder auch als aus Metall bezeichnen. Diese Begriffe klingen in unserem Verständnis eher maskulin.

Grammatische Kategorisierung
Das grammatikalische Geschlecht nimmt durchaus Einfluss auf die Attribute, mit denen wir ein Objekt beschreiben.

Ist dies auch der Fall, wenn Spanischsprecher den Schlüssel, der im Spanischen einen weiblichen Begleiter hat, beschreiben? Nein, in diesem Fall wird ‚die‘ Schlüssel eher als filigran, zart, klein oder glänzend bezeichnet, eher weibliche Attribute also.

Da stellt sich natürlich die Frage, ob das nicht eher damit zusammenhängt, dass Deutsch an sich eine härtere Sprache ist. Ein Gegenbeispiel zeigt, dass dies nicht der Grund ist. Denn die deutschsprachigen Testpersonen der angeführten Studie beschreiben die Brücke eher feminin, ihr Gegenüber aus spanischsprachigen Länder (auf Spanisch ist die Brücke männlich) hingegen maskulin. Testsprache war übrigens das Englische, eine ‚neutrale‘ Sprache, die ohne grammatikalisches Geschlecht auskommt.

Schon spannend, welchen Einfluss Sprache auf die Wahrnehmung hat. Zumindest uns ging es so, dass wir erstaunt festgestellt haben, dass natürlich ein Schlüssel auch etwas Filigranes hat, von selbst aber wäre uns das nicht aufgefallen.

Die Farbe Blau

Wir sprechen von einem blauen Planeten, bezeichnen Heidelbeeren auch als Blaubeeren und behaupten, blaue Augen seien gefährlich, aber in der Liebe ehrlich. Mal ehrlich: Können Sie sich eine Welt ohne die Farbe Blau vorstellen? Wahrscheinlich nicht, schließlich ist die Farbe überall um uns herum wahrzunehmen.

Doch die Bezeichnung ‚Blau‘ ist eigentlich noch gar nicht so alt. Blaue Augen gibt es erst seit ca. 7000 Jahren. Die Möglichkeit, mit dieser Farbe zu malen, haben die Menschen nach einer zufälligen Entdeckung ergriffen, blaue Edelsteine wie der Lapis Lazuli haben Seltenheitswert.

Während sich an der biologische Fähigkeit zu sehen wenig geändert hat, nehmen wir die Welt heute anders wahr, denn wir haben ein Wort für den Farbton des Himmels an einem Tag mit strahlendem Sonnenschein oder die Farbe des Meeres.

Wie würden Sie die verschiedenen Farbtöne benennen? Alles blau? – Für Russischsprecher nicht!

In vielen Sprachen hingegen werden Grün und Blau mit dem gleichen Wort bezeichnet. Und auch damit kommt man aus, denn das Wasser schimmert oft grünlich, der Himmel ist oft eher grau als blau. In anderen Sprachen hingegen ist das Wort für Blau mit Gegenständen verknüpft. Im Polnischen zum Beispiel heißt blau niebieski, die Bezeichnung für Himmel ist niebo. Eine Sprache ohne das Wort für Blau ist für uns eigentlich unvorstellbar. Ein Russischsprecher geht sogar noch einen Schritt weiter und unterscheidet zwischen goluboj (hellblau) und sinij (dunkelblau). Ob diese zwei unterschiedlichen Kategorien Auswirkungen auf seine Gedankenwelt haben, zeigt einmal mehr ein Versuch. Diesmal sollen Englisch- und Russischsprecher jeweils Blautöne möglichst schnell einer Kategorie zuordnen.

Es zeigt sich (ganz vereinfacht und auf die Schnelle gesagt): Russischsprecher haben eindeutige Vorteile bei der Kategorienzuordnung. Welcher der Farbtöne zu Hellblau und welcher zu Dunkelblau gehört, ist für sie schnell und eindeutig erkennbar. Ein Erklärungsversuch wäre dabei jener, dass auf Deutsch und Englisch ebenfalls eine Unterscheidung zwischen hell und dunkel gemacht wird, aber auch ein generisches Blau existiert, das beide Kategorien miteinbezieht. Russischsprecher hingegen müssen die sprachliche Unterscheidung machen und treffen sie entsprechend auch gedanklich.

War war’s?

Zuletzt noch ein Beispiel aus der ‚Kriminalistik‘. Sie befinden Sich in der Rolle des Ermittlers und werden gebeten, Augenzeugen-Interviews zu führen. Die Zeugen: Ein Spanier sowie ein Engländer, die nur ihre jeweilige Muttersprache sprechen.  

In Szenario #1 zerbricht eine Frau eine Vase mutwillig. Sowohl auf Spanisch als auch auf Englisch wird daraufhin mit dem Finger gedeutet und „Sie war’s!“ ausgerufen. Auch eine detaillierte Personenbeschreibung kann wahrscheinlich mitgeliefert werden.
In Szenario #2 dagegen zerbrach sie eine teure Vase aus Versehen. Der Engländer bleibt bei seiner Version der Geschichte: “She broke the vase.“ (Sie hat die Vase zerbrochen). Anders der Spanier, der von dem kleinen Wort se Gebrauch macht. Im Spanischen markiert dies das Passiv, wird reflexiv verwendet oder ist unpersönlich. „Se rompió el florero“, sagt der Spanier, die Vase hat sich zerbrochen. Es gibt keinen Hinweis mehr auf den Agenten des Satzes, der Fokus liegt auf dem Unfall.
Zerbrochene Vase
Das Ergebnis ist das Gleiche: die Vase ist zerbrochen. Die Schuldzuweisungen allerdings nicht.

Die schönere deutsche Übersetzung lautet: Die Vase ist kaputtgegangen. Doch dies klingt – anders als im Spanischen – in diesem Zusammenhang seltsam ausweichend.

Welche Auswirkungen haben diese sprachlichen Strukturen jetzt auf die Erinnerung? Vielleicht ahnen Sie es mit Ihrem kriminalistischen und sprachlichen Spürsinn bereits: In Szenario #2 können die Spanischsprecher weniger über die handelnde Person aussagen als die Englischsprecher.

Was nach einem witzigen Beispiel klingt, kann vor Gericht schwerwiegende Folgen haben. Sprache kann entsprechend unsere Erinnerung trüben oder den Fokus schärfen.

Unzertrennlich: Sprache, Denken, Wahrnehmung

So schwarz-weiß wie die Welt in den Studien ist das wahre Leben natürlich nicht. Sprache, Denken und unsere Sicht der Dinge sind so untrennbar miteinander verknüpft, dass es nur schwer möglich ist, sie auseinanderzudividieren.

Und natürlich ist Denken auch ohne aktive Sprachkenntnisse möglich, wie uns kleine Kinder, die noch nicht sprechen können, immer wieder zeigen.

Dennoch: Dass Sprache unser Denken verändert, zeigt sich im Großen wie im Kleinen im Alltag nicht selten. Und das Denken über die Sprache und das Sprechen über Gedanken verändert dabei die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen.

Eine neue Sprache – eine neue Welt

Dies bewahrheitet sich beispielsweise im Fremdsprachenerwerb. Wer eine Sprache lernt, sie gut beherrscht und vielleicht sogar einige Zeit im Ausland verbracht hat, der weiß: Ich fühle mich anders, wenn ich diese Sprache spreche. Nicht umsonst haben einige Menschen Herzenssprachen, philosophieren etwa lieber auf Französisch oder verhandeln bevorzugt auf Englisch, weil sie sich in diesem Fall selbstbewusster fühlen.

Fremdsprachen halten sogar in der Muttersprache Einzug. Klassisches Beispiel sind englische Wörter in der deutschen Jugendsprache. Alles ist random, awkward oder awesome. Zu häufigen Ansprachen gehören unter anderem dude oder bro. Warum? Auch, wenn es deutsche Übersetzungen gibt, decken diese nur einen Teil des tatsächlichen Bedeutungsfeldes ab, das Englische trifft es also – zumindest in den Augen der Jugend – einfach besser.

Unübersetzbare Wörter
Manche Wörter lassen sie einfach nicht übersetzen – sie sind unübersetzbar.

Übrigens ist dies kein Phänomen, das ausschließlich der Jugend vorbehalten ist: Auch in den Übersetzungen weltbekannter Philosophen finden sich Begriffe, die einfach unübersetzt in die Zielsprache übernommen wurden. So etwa Derridas Konzept der différance, ein Kunstwort, das vom französischen différence abstammt. Dahinter steht die philosophische Idee einer Dekonstruktion der Wirklichkeit. Eine plumpe Übersetzung mit dem deutschen Wort Unterschied würde dem einfach nicht gerecht werden.

Sprache hat Macht

Das Henne-Ei-Problem – Was war zuerst da? Die Sprache oder das geistige Konzept? – werden wir also leider nicht lösen können. Stattdessen können wir in dem Bewusstsein leben, dass Gedanken durch Worte beeinflusst zu Taten führen, die Auswirkungen auf das Leben haben.

Aus diesem Grund tut es für die persönliche Reflektion gut, immer wieder kurz innezuhalten und sich die Frage zu stellen: Warum denke ich, was ich denke und warum denke ich, wie ich denke?

Dass das Denken der Menschen von Sprache gesteuert wird, zeigt sich in der Politik besonders deutlich. George Orwells Dystopie 1984 zeigt auf erschreckende Art und Weise, wie weit eine Sprachpolitik das Denken verändern kann. Das Regime in diesem Roman schafft eine neue Sprache – passenderweise „Neusprech“ genannt – und damit eine vollkommen neue Gedankenwelt. „Doppeldenk“ ist einer dieser Begriffe, der von der Regierung im Roman geprägt wurde. Er bezeichnet dabei die Fähigkeit, zwei sich widersprechende Konzepte gleichzeitig als wahr zu akzeptieren.

Orwell fasst passend zusammen:
„Wenn das Denken die Sprache verdirbt, kann auch die Sprache das Denken verderben.“
George Orwell 1984

Sprachlenkung wird in der Politik unbewusst oder bewusst verwendet. Die Propaganda im Dritten Reich ist wohl eines der einprägsamsten und prägnantesten Beispiele dafür, doch auch unsere Zeit ist nicht frei von einer Rhetorik, die unsere Gedanken beeinflusst.

Sprache formt Ideen und Inhalte. Trotzdem liegt die Verantwortung beim Denkenden, der sich trauen muss, auch die eigene Sprache und die eigenen Gedanken zu hinterfragen, neue Gedanken zu denken und neue Begriffe zu prägen, um Realität abzubilden. Ganz so wie im Fall der Farbe Blau, die – könnte man sagen – durch Sprache erfunden wurde.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.