Sprachensterben: Ist das Internet schuld?

Sprachensterben Internet

In wenig anderen Felder ist die Vielfalt so groß, wie in der Sprachwissenschaft. Zurzeit gibt es rund 7.000 Sprachen weltweit. Die Tendenz zeigt jedoch in eine gefährliche Richtung, denn: Sprachwissenschaftler sagen ein akutes Sprachsterben voraus, das bereits begonnen hat. Als Grund dafür wird immer öfter das Internet angeführt. Die Devise lautet: Wenn die Sprache nicht im Internet existiert, brauchen wir sie nicht – überspitzt formuliert, doch scheinbar ist es genau das, was gerade passiert.

Vielfalt ist das, was Sprachen ausmacht. Während auf der Welt rund 7.000 Sprachen gesprochen werden, haben es jedoch gerade einmal fünf Prozent davon, also rund 350, in das World Wide Web geschafft. Das Sprachsterben und das Internet stehen also in einer engen Verbindung:

  • Menschen, die das Internet nutzen, sind gezwungen sich andere Sprachen anzueignen, wenn die Muttersprache nicht verfügbar ist.
  • Das führt dazu, dass sie die andere prominentere Sprache auch im privaten Bereich immer mehr adaptieren.
  • Noch weniger Menschen nutzen diese eine Muttersprache – und irgendwann spricht sie niemand mehr.

Natürlich ist dieser Prozess stark vereinfacht dargestellt, dennoch zeigt er, wie Sprachen, die nur von wenigen Menschen auf der Welt gesprochen werden, regelrecht „diskriminiert“ werden und so fast gezwungenermaßen über kurz oder lang aussterben. Natürlich gibt es noch weitere externe und interne Faktoren, die zum Sprachsterben führen können, doch das Internet ist laut Expertenmeinungen der entscheidende Punkt.

Wie lässt sich der langsame Tod einer Sprache erkennen?

Von den heute rund 7.000 Sprachen werden bereits in den nächsten 100 Jahren nur noch etwa 2.500 übrig sein. Weitere 100 Jahre später wird auch der Großteil davon verschwinden, denn einen Platz im Internet finden sie nicht.

Als Beispiel, wie das Internet das Sprachsterben beeinflusst, wird immer wieder das beliebte und größte Online-Lexikon Wikipedia angeführt. Hier werden derzeit rund 290 Sprachen angeboten, für mehr als 500 weitere liegt derzeit ein Antrag auf Aufnahme vor – doch nur wenige von Ihnen schaffen es, die erforderlichen fünf aktiven Nutzer zusammenzubekommen, um die Sprache auf Wikipedia einzuführen.

Der Selbsterhaltungstrieb einer Sprache stößt hier also bereits an seine Grenzen. Die Sprache verliert an:

Funktion

Weiterbildungen, Geschäftstätigkeiten, „Lernen“ im Allgemeinen – das alles wird hauptsächlich in den „großen“ und bekannten Sprachen absolviert. Selbst dort, wo sie nicht die Amtssprachen darstellen.

Die Muttersprache verliert an Funktion und hat nach und nach keine Daseinsberechtigung mehr, da Englisch, Deutsch, Französisch, selbst Chinesisch oder Russisch, häufiger gelehrt und genutzt werden. Insbesondere dann, wenn Anhänger kleinerer Kulturen das eigene Land verlassen.

Prestige

„Wenn es die Sprache im Internet (oder bei Wikipedia) nicht gibt, existiert sie nicht“. Eine Aussage, die im ersten Moment sehr überheblich klingt – doch wie oft, haben wir selbst bereits Webseiten besucht und uns verärgert gefragt, warum es hierfür keine deutsche Übersetzung gibt. Dasselbe passiert mit denjenigen, die ihre eigene Muttersprache nur in absoluten Ausnahmefällen im Netz wiederfinden.

Es scheint als hätte die eigene Sprache keinen Wert und so werden die Fremdsprachenkenntnisse ausgebaut, um (überspitzt formuliert) kein Anhänger einer toten Sprache zu sein.

Kompetenz

Die fehlende Funktion und das sinkende Prestige einer Sprache führen dazu, dass die Muttersprache immer seltener genutzt wird und andere Sprachen auch den Alltag bestimmen. Ein Prozess der über die Jahre dazu führen kann, dass die Kompetenz in der eigenen Muttersprache verloren geht, da sie einfach zu selten genutzt wird.

In Kombination sind diese drei Faktoren sehr gefährlich für „kleine“ Sprachen, da das Aussterben hier bereits begonnen hat. Und hat der Prozess einmal begonnen, ist es nur schwer ihn aufzuhalten oder sogar rückgängig zu machen.

Das Internet trägt definitiv zum Sprachsterben bei, ist jedoch nicht der einzige Faktor, der diese Entwicklung begünstigt. Es ist der Wille des Individuums mit anderen Menschen zu kommunizieren, weshalb weitläufig unbekannte Sprachen und Dialekte den „großen“ Sprachen Platz machen. In der digitalen Welt wird diese Entwicklung nicht mehr rückgängig zu machen sein. Alles, was in einigen hundert Jahren von diesen Sprachen übrig bleiben wird, ist leider nur noch ein Wikipedia-Eintrag mit dem Zusatz „ausgestorben“.

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